Fredi Kunz



Die erste Begegnung mit Nina hatte ich in Zürich vor der Roten Fabrik. Sie war mit der Theatergruppe „Schandbänkli“ dort, um ihr Stück „Anderscht“ aufzuführen, die Aufarbeitung der Lebensgeschichte jedes Mitglieds der Gruppe, jedes mit einer anderen Behinderung.

Als junger, unerfahrener Student am Lehrerseminar war mir nicht bewusst, was „Behinderung“ und Leben als behinderte Person, oftmals am Rande unserer Gesellschaft, bedeutete. Über das Theater begann dann unsere Beziehung. Zu Beginn arbeitete ich als Tonmeister, dann als Requisiteur und schliesslich auch als Schauspieler bei der Theatergruppe Schandbänkli mit.

Die Kernaussage des Theaterstücks „Anderscht“ war:

Jede und jeder hat aus seinen Anlagen und Gaben das Beste zu machen in seinem Leben, ist somit für sein Lebensglück selber verantwortlich und verdient entsprechenden Repekt und Anerkennung, wobei er aber Anrecht auf Kompensation seiner Behinderung hat, ohne dafür Danke sagen zu müssen.

Mit Nina und Urs habe ich wunderschöne Stunden erleben können. Ninas Lebensfreude und Energie, aber auch die Zuversicht und körperliche Präsenz von Urs haben mich immer wieder angesteckt. Unvergesslich sind mir unsere Ferien in der Po-Ebene. Höhepunkt war, als wir alle gemeinsam, Nina im Rollstuhl in der Mitte, mit einem Fischer in seiner Barke (vergleichbar einem Weidling), auf den Seitenarmen des Pos herumfuhren und die Natur mit all den Pflanzen, Vögeln und Fischen aus nächster Nähe beobachten und bestaunen konnten. Wir wohnten in einer kleinen Pension, total abgelegen von allen Touristenströmen, genossen die italienische Küche und die Ruhe in der Natur.

Einige Male war ich mit Nina im Ausgang. Wir gingen allein zusammen ins Kino, was ich als grossen Vertrauensbeweis empfand. Nina hat mich Schritt um Schritt angelernt, mir jeden Handgriff ihrer Hilfsmittel erklärt und so konnte ich für ihre Sicherheit, ja eigentlich für ihr Leben, garantieren.

Nina war eine herausragende Persönlichkeit, die allen Mitmenschen, mit denen sie in Kontakt kam, so viel Kraft und Zuversicht geschenkt hat. Dies drückte sich auch wunderbar in ihrem Selbstverständnis aus. Einmal sagte sie mir am Telefon: „Ich bin am Kochen, ich kann jetzt nicht so gut telefonieren“, worauf wir abbrachen.   -  Sie kochte, wobei die Mitbewohnerinnen und Mitbewohner ihr Hände und Beine liehen, aber der Kopf dahinter für diese Aufgabe war Nina. Das war gelebte Behinderungskompensation, die sie mit Urs zusammen entwickelt hatte.

Nina war es ein Herzensanliegen, ihren „russischen Verwandten“ von Grossmutter-Seite ihren Lebensmut näher zu bringen. Mit technischen Hilfsmitteln zur Überwindung von physikalischen und technischen Barrieren wollte sie – und können wir auch heute am effizientesten – unterstützen. Deshalb arbeite ich bei der Stiftung „Hilfe zur Selbsthilfe für Behinderte in Russland“ mit. Ich verstehe mich als Netzwerker, der Beziehungen anbahnt, Möglichkeiten schafft, rechtliche Fragen im Auge behält, wie ich es schon für Nina gemacht habe. Ich möchte einfach etwas von meinen Fähigkeiten einbringen in eine Gruppe von Menschen, die Behinderten in Russland ermöglicht, ihr „Leben selber in die Hände -  oder sonst ein funktionierendes Organ“, zu nehmen.
Nina realisierte ihre Selbstständigkeit mit Apparaten, die sie mit dem Kinn und ihrer Atemluft steuerte.