Urs Dorizzi





Ich bin Urs Dorizzi, geboren in Zürich am 26.5.1947.
Den italienischsprachigen Namen verdanke ich meinen Vorfahren, die in einem engen Tal lebten und ständig mehr Nachwuchs produzierten, als der Boden ernähren konnte.

Als ich zwei Jahre alt war, kam meine Schwester Irene zur Welt und dann, am 31.12.1950, mein Bruder Rolf. Bei seiner Geburt gab es Probleme. Die Ärzte handelten grobfahrlässig in dieser Silvesternacht  und wurden nicht zur Rechenschaft gezogen … Rolf überlebte, doch die Folgen waren eine cerebrale Lähmung, an der auch die schmerzhaften Streckübungen nichts änderten.

Nach der Schule lernte ich den Beruf des Maurers. Eigentlich wollte ich Lehrer werden, obwohl ich nicht gern und wenig erfolgreich lernte. Zum Glück gab es schon damals die Pfadfinder. Später war ich mit Rolf zusammen bei den behinderten Pfadfindern.

Dem obligatorischen Militärdienst konnte ich nicht viel abgewinnen, besonders nicht in jungen Jahren.

Während eines Auslandaufenthalts fragte ich mich nach dem Sinn meines Lebens. Die schwere Krankheit meines Bruders hatte mich geprägt und so keimte die Idee, etwas für Behinderte tun zu wollen. Ich kehrte in die Schweiz zurück und realisierte meine Idee.

Bei einem Besuch in einem Spital lernte ich Nina kennen. Tief beeindruckt von ihrer mentalen Stärke trotz der schweren Behinderung, begann ich mich um sie zu kümmern. Sie war auch auf der Suche nach mehr Sinn im Leben. Wir kamen uns näher. In mir kämpfte der Helfer gegen den Realisten und auf dessen Seite mein ganzes menschliches Umfeld. Sie wissen, wer gewann. Heirat, gemeinsame Wohnung …

Ich war Student und im Begriff, Lehrer zu werden. Nina brauchte eine Pflegerin, welche sie tagsüber aufnahm und die Hausarbeiten verrichtete. Nina  versah ihre neue und ungewohnte Rolle als Hausfrau obwohl sie physisch nichts beitragen konnte. Sie nahm Verantwortung wahr in Wohnung und Küche.

Wir lebten ein richtiges Studentenleben: Wir hatten sehr wenig Geld, oft Besuch und führten dabei immens kluge Gespräche.

Dann war ich Lehrer. Was sollte Nina tun? Wir kannten behinderte Menschen, welche auf der Suche nach freieren Lebensformen waren. Mit ihnen hatten wir eine WG. Da von Anfang an Menschen mit verschiedenen Behinderungen zusammenwirkten, entdeckten wir die Vorteile dieses Zusammenlebens. Wir nannten es Behinderungskompensation.

In den Ferien lebten wir oft in einem Zelt auf Campingplätzen. Ich liebte das ungebundene Leben, und Nina machte dabei gerne mit, so gut es eben ging. Ein Hemmschuh war ihr mobiles Beatmungsgerät, welches einen riesigen Vorrat an Druckluftflaschen erforderte.

Unser Freund René Bleuler ermutigte mich, ein elektrisches Gerät zu entwickeln, was ich dann auch tat. Es war eine spannende Aufgabe, die technischen Hürden hatte ich alle gemeistert. Nina und zwei andere Atemgelähmte hatten das Gerät benützt, gern benützt soweit man das von einem Beatmungsgerät überhaupt sagen kann. Leider hatte ich als Geschäftsmann versagt.

Kurz bevor meine Eltern gestorben waren, kam mein Bruder Rolf zu uns.

Seit meiner Frühpensionierung  vermittle ich für schöne Häuser noch schönere Fenster.

Das Sterben und der Tod von Nina brachten mein Leben vorübergehend durcheinander. Mit Freude konnte ich erfahren, wie viele Menschen bereit waren, für Ninas Stiftung zu arbeiten oder weiterhin zu spenden.